
Sinners
Sinners ist das Kino das 2025 gerettet hat – ein Vampirfilm der kein Vampirfilm ist, ein Horrorfilm der kein Horrorfilm ist, und das beste Werk eines Regisseurs der ohnehin schon zu den Besten seines Fachs gehört.
Bewertung
Pro
- Michael B. Jordan in einer Doppelrolle die Oscar-Geschichte schreibt
- Ludwig Göranssons Score ist das Erlebnis des Kinojahres
- Cinematographie die jeden Screenshot als Kunstwerk rahmt
- Blues und Vampir-Horror als Metapher für Freiheit und Unterdrückung
- Ryan Coogler verbindet persönliches und politisches Erzählen mit Massenappeal wie kaum ein anderer
Contra
- Laufzeit von 138 Minuten testet gelegentlich die Geduld
- Dritter Akt nicht ganz so stark wie die erste Stunde
- Für reine Actionhorror-Fans möglicherweise zu langsam
„Sinners ist das Kino das 2025 gerettet hat – ein Vampirfilm der kein Vampirfilm ist, ein Horrorfilm der kein Horrorfilm ist, und das beste Werk eines Regisseurs der ohnehin schon zu den Besten seines Fachs gehört."
Im Detail
Das Kino das 2025 gerettet hat
Es gibt Filme die man im Kino sieht und danach weiß: das war ein Ereignis. Nicht weil die Effekte spektakulär waren. Nicht weil die Geschichte neu war. Sondern weil man gespürt hat wie ein Regisseur alles gegeben hat und das Publikum es angenommen hat.
Sinners ist so ein Film.
Ryan Coogler, Hollywoods stille Revolution, betritt mit Sinners ein Genre das die Academy lange ignoriert hat – und verändert die Spielregeln zum wiederholten Mal.
Mississippi 1932 –
Freiheit und ihr Preis
Smoke und Stack, Zwillinge gespielt von Michael B. Jordan in einer Doppelrolle die sich so eigen anfühlt dass man kaum glaubt sie teilen einen Körper, kehren in ihr Heimat-Mississippi zurück um eine Juke Joint zu eröffnen – an genau dem Abend an dem die Vampire ankommen.
Das klingt nach einem B-Horrorfilm. Es ist das Gegenteil.
Coogler nutzt die Vampire nicht als Schockmoment sondern als Metapher. Die Atmosphäre des Films oszilliert zwischen Freude und Verzweiflung, Furcht und Freiheit – die Vampire als ätzende Versuchung die Freiheit von unseren Problemen verspricht.
Das ist Horrorfilm-Handwerk auf dem höchsten Niveau das das Genre seit Get Out nicht mehr erreicht hat.
Michael B. Jordan –
Endlich die Anerkennung
Jordan, der für Fruitvale Station und Black Panther beschämend übersehen wurde, fordert jetzt Oscar-Aufmerksamkeit – und er bekommt sie.
Smoke und Stack sind nicht einfach zwei verschiedene Charaktere. Sie sind zwei verschiedene Antworten auf dieselbe Frage: Wie überlebt man in einer Welt die dich nicht will?
Smoke mit Kontrolle und Kalkül. Stack mit Freiheit und Konsequenz. Jordan spielt beide so präzise und so unterschiedlich dass man vergisst dass dieselbe Person beide verkörpert.
Neben ihm reißt Newcomer Miles Caton als Sammie "Preacher Boy" Moore den Screen auf – er weckt die raue Charisma die einst Daniel Kaluuya in den Mainstream katapultierte.
Ludwig Göransson und die
Musik als Hauptcharakter
Kein Review zu Sinners kommt ohne diesen Absatz aus – weil die Musik nicht Untermalung sondern Erzählmittel ist.
Göranssons Score baut Spannung und Atmosphäre auf eine Weise die man körperlich spürt – und die Musik die Sammie innerhalb der Geschichte spielt ist von effortloser Schönheit die durch die Vocals des Casts noch verstärkt wird.
Der Blues in Sinners ist kein Set-Dressing. Er ist die Seele des Films. Eine Szene in der Sammie zum ersten Mal spielt und die Geschichte der schwarzen Musikkultur durch Jahrzehnte und Kontinente visualisiert wird ist einer der außergewöhnlichsten Momente den ich 2025 im Kino erlebt habe.
Im Kino auf gutem Sound-System ist Sinners ein physisches Erlebnis. Zuhause auf kleinen Lautsprechern verliert er einen Teil seiner Seele. Plant entsprechend.
Was Sinners wirklich ist
Sinners ist ein Western, ein Drama und ein Musical gleichzeitig – und irgendwie funktioniert das alles.
Das ist kein Zufall. Das ist Coogler der nach Jahren im Marvel-Universum zeigt was er kann wenn er sein eigenes Material verfilmt. Sinners ist sein persönlichster Film – ein Liebesbrief an schwarze Kultur, an Blues-Geschichte, an die Idee dass Kunst Freiheit bedeutet auch wenn die Welt drumherum alles andere sagt.
Der Horrorfilm ist das Gefäß. Was drin ist geht weit darüber hinaus.
Wo Sinners nicht ganz makellos ist
138 Minuten ist lang. Die erste Stunde des Films ist außergewöhnlich – aufbauend, atmosphärisch, mit dem Gefühl dass etwas Fundamentales passieren wird.
Der dritte Akt zieht leicht an. Nicht weil er schlecht ist – sondern weil die erste Stunde so stark ist dass der Vergleich unvermeidlich ist.
Wer reine Action-Horror-Energie sucht wird gelegentlich ungeduldig werden. Sinners nimmt sich Zeit. Es glaubt an seine Charaktere und seine Welt mehr als an seinen Unterhaltungswert.
Das ist Stärke – aber es ist auch eine Erwartungsfrage.
Fazit
Sinners ist Cooglers bestes Werk bisher – und das sagt viel bei einem Regisseur der Fruitvale Station, Creed und Black Panther gemacht hat.
Die 9.0 ist ein Film der beweist dass großes Kino 2025 noch möglich ist – originell, persönlich, handwerklich außergewöhnlich und mit einem Score der sich ins Gehirn brennt.
Im Kino sehen wenn noch möglich. Laut.


