
Resident Evil 3 Remake
Raccoon City brennt großartig – aber viel zu kurz. Nemesis jagt dich nur wenn das Drehbuch es erlaubt. Solide 5 Stunden statt episch.
Bewertung
Pro
- Raccoon City als brennende Kulisse perfekt inszeniert
- Jill Valentine mit Charakter statt Klischee
- Actionreiches Gameplay das RE2 konsequent weiterdenkt
- Nemesis in seinen Scripted-Momenten absolut bedrohlich
Contra
- Mit 5 Stunden viel zu kurz geraten
- Nemesis verfolgt dich kaum frei wie Mr. X
- Resistance-Multiplayer war schon bei Release tot
Im Detail
Resident Evil 3 Remake Review
Die Rakete explodiert hinter mir, Flammen fressen sich durch die Gassen von Raccoon City, und Nemesis brüllt irgendwo in der Nähe – ich renne, Jill Valentine rennt, und für diesen Moment fühlt sich das Resident Evil 3 Remake absolut perfekt an. Brennende Kulissen, Adrenalin pur, Horror-Action wie aus dem Lehrbuch. Dann ist es vorbei. Nach fünf Stunden. Und ich sitze da mit dem Gefühl, gerade erst warmgelaufen zu sein.
Raccoon City brennt – aber viel zu kurz
Capcom hat mit dem RE2 Remake 2019 bewiesen, wie man Survival Horror neu erfindet. Das RE3 Remake folgt dieser Formel konsequent, setzt aber noch einen drauf auf Action. Während Leon und Claire sich durch dunkle Polizeikorridore schleichen, ballert sich Jill durch brennende Straßenzüge. Die Stadt selbst ist der Star hier – Raccoon City wurde nie besser inszeniert. Geschäfte mit eingeschlagenen Scheiben, verlassene Straßenbahnen, überall Leichen und Verzweiflung. Die Atmosphäre stimmt absolut.
Aber dann kommt das große Problem: Das Spiel ist vorbei, bevor es richtig anfängt. Fünf Stunden für einen Durchlauf. Zum Vergleich – das RE2 Remake bot mir locker das Doppelte, und das Original RE3 war auch deutlich länger. Ganze Bereiche aus dem Original wurden gestrichen. Das Uhrturm-Segment? Weg. Die Parkabschnitte? Massiv gekürzt. Es fühlt sich an wie eine Greatest-Hits-Version, bei der jemand vergessen hat, dass die Albumlänge auch zählt.
Nemesis – bedrohlich, aber an der Leine
Nemesis sollte der Mr. X auf Steroiden sein. Ein unaufhaltsamer Verfolger, der dich durch die gesamte Stadt jagt. Das Marketing hat genau das versprochen. Die Realität? Nemesis taucht in Scripted Sequences auf, macht ordentlich Dampf, sieht dabei auch verdammt beeindruckend aus – und verschwindet dann wieder, wenn das Drehbuch es so will.
Im RE2 Remake verfolgte mich Mr. X durch die Polizeistation, und ich wusste nie genau, wann seine Schritte wieder durch die Gänge hallen würden. Diese Freiheit fehlt Nemesis komplett. Er ist auf Schienen unterwegs. In seinen Momenten ist er absolut furchteinflößend – wenn er mit seinem Flammenwerfer um die Ecke stürmt oder mit Tentakeln nach dir schlägt, funktioniert das perfekt. Aber zwischen diesen Momenten? Nichts. Keine Paranoia, kein ständiges Über-die-Schulter-Schauen. Das ist verschenktes Potenzial in Reinform.
Die Boss-Kämpfe gegen Nemesis sind ordentlich inszeniert, aber auch hier hätte ich mir mehr Abwechslung gewünscht. Gegen Ende mutiert er so stark, dass vom ikonischen Verfolger nicht mehr viel übrig bleibt. Schade, denn gerade die frühen Begegnungen zeigen, was möglich gewesen wäre.
Jill Valentine – endlich mit Persönlichkeit
Was Capcom hier richtig gemacht hat: Jill Valentine. Sie ist keine hilflose Klischee-Heldin, sondern eine abgebrühte S.T.A.R.S.-Veteranin, die genau weiß, was sie tut. Die Chemie zwischen ihr und Carlos funktioniert überraschend gut – die Dialoge wirken natürlich, manchmal sogar witzig, ohne die Horror-Atmosphäre zu zerstören.
Das Gameplay übernimmt die solide Basis des RE2 Remakes und verfeinert sie. Jill bewegt sich flüssiger, der Dodge-Move ist eine willkommene Ergänzung, und die Waffen fühlen sich knackig an. Die Shotgun hat ordentlich Wumms, die Grenade Launcher-Varianten bieten taktische Optionen. Es spielt sich einfach gut – nur eben viel zu kurz.
Carlos bekommt seine eigenen Spielabschnitte, die für Abwechslung sorgen. Sein Sturmgewehr macht ordentlich Spaß gegen Zombie-Horden, und seine Sequenzen im Krankenhaus gehören zu den stärksten Momenten des Spiels. Hier hätte ich mir noch mehr gewünscht – mehr spielbare Charaktere, mehr Perspektivwechsel, mehr Tiefe.
Resistance – der vergessene Multiplayer
Dem Spiel wurde der Multiplayer-Modus Resistance beigelegt. Vier Überlebende gegen einen Mastermind, der Fallen und Monster kontrolliert. Klingt nach Dead by Daylight mit Resident-Evil-Lack. War auch bei Release schon tot. Ich habe es versucht, wirklich. Aber die Lobbys waren leer, das Balancing fragwürdig, und ehrlich gesagt hat niemand danach gefragt. Capcom hat den Support auch schnell eingestellt. Diese Entwicklungszeit hätte besser in die Kampagne geflossen.
Fazit
Resident Evil 3 Remake macht vieles richtig – die Inszenierung stimmt, Jill ist großartig, das Gameplay sitzt. Aber es ist einfach zu kurz. Fünf Stunden für ein Vollpreis-Spiel sind 2020 gewesen schon grenzwertig, heute erst recht. Nemesis hätte das sein können, was Mr. X war – nur besser. Stattdessen ist er ein zahmer Tiger an der Leine, der nur zubeißen darf, wenn das Skript es erlaubt.
Für Fans der Reihe ist es trotzdem ein Pflichtkauf, aber wartet auf einen Sale. Zum vollen Preis fühlt sich das Paket zu dünn an. Die 7.5/10 gebe ich für das, was da ist – und das ist solide Survival-Horror-Action. Aber für das, was hätte sein können, hätte es locker eine 9 werden können. Raccoon City brennt großartig – nur leider viel zu kurz. Wer nach einem intensiven Wochenende sucht und die Stadt einmal richtig erleben will, greift zu. Wer ein episches Horror-Abenteuer wie RE2 Remake erwartet, wird enttäuscht sein. Ich hatte Spaß, aber ich wollte mehr. Viel mehr.

