The Last of Us Staffel 2
SeriePostapokalypseDramaThrillerHBO Max

The Last of Us Staffel 2

Von Chefermittler·18. Juli 2026·3 Min Lesezeit

HBO traut sich was das Spiel nicht durfte. Staffel 2 ist brutaler, ehrlicher und näher an Druckmanns Vision als Part II es je war.

Entwickler / Studio
HBO / Naughty Dog / Sony Pictures
Erscheinungsjahr
2025
Getestet auf
HBO Max
Spielzeit
ca. 8 Episoden

Bewertung

Gesamtwertung
9.0/10
Sehr gut
Chefermittler-Empfehlung
Story9.5
Inszenierung9.0
Präsentation10.0
Sound9.5
Wiederschauwert8.5

Pro

  • Abbys Perspektive funktioniert ohne Spielzwang endlich emotional
  • Gewaltdarstellung kompromissloser als im Spiel von 2020
  • Seraphiten bekommen Tiefe statt nur Kultstatus
  • Ellie und Dinahs Beziehung wirkt organischer ohne Loot-Pausen

Contra

  • Mittelteil verliert sich in Abbys Vergangenheit
  • Aquarium-Sequenz zu theatralisch inszeniert statt intim
  • Finalkampf verzichtet auf die Erschöpfung des Originals

Im Detail

Ellie drückt das Messer in Abbys Hals, das Wasser spritzt, die Kamera zoomt nicht weg – und ich sitze da und denke: Das hätte Naughty Dog nie gezeigt. HBO Max traut sich in Staffel 2 von The Last of Us, was das Spiel von 2020 nur andeutete. Hier gibt es keine Ausblenden, keine Kamerafahrten nach oben, wenn es dreckig wird. Hier wird Gewalt nicht ästhetisiert, sondern ausgestellt wie ein Autopsiebericht. Und genau das macht diese Staffel zur ehrlicheren Version von Neil Druckmanns Vision.

Abby ohne Controller-Zwang ist ein anderer Mensch

Im Spiel war Abbys Perspektivwechsel ein Problem der Mechanik. Ich musste sie spielen, obwohl ich sie hassen wollte. Die Serie nimmt mir diese Entscheidung ab – und plötzlich funktioniert es. Wenn ich Abby nicht durch Seattle prügeln muss, wenn ich nicht gezwungen bin, mit ihr Hunde zu streicheln, während ich als Ellie welche töte, dann kann ich ihr einfach zusehen. Und das verändert alles.

Die Episoden 3 bis 5 gehören fast komplett ihr. Wir sehen ihre Alpträume, ihre Beziehung zu Owen, den Verrat an den WLF. Aber vor allem sehen wir ihre Schuld. Nicht als Gameplay-Mechanik, sondern als echte emotionale Last. Wenn sie Yara und Lev rettet, fühlt sich das nicht nach moralischem Freikauf an, sondern nach verzweifeltem Versuch, überhaupt noch irgendwas Gutes zu tun. Die Schauspieler tragen das mit einer Verletzlichkeit, die Motion Capture nie einfangen konnte.

Nur: Der Mittelteil verliert sich. Die Rückblenden zu Abbys Vater, zur Operation an Ellie, zu ihrem Training – das zieht sich. Im Spiel war das verdichteter, weil es zwischen Action-Sequenzen lag. Hier fühlt es sich manchmal an wie ein separater Film, der in die falsche Serie geschnitten wurde.

Gewalt ohne Gnade, Liebe ohne Pause-Taste

Was mich am meisten überrascht: Die Beziehung zwischen Ellie und Dinah funktioniert hier besser als im Spiel. Keine Unterbrechungen durch Crafting-Menüs, keine Momente, in denen ich lieber Munition suchen will als ihnen zuzuhören. Die Szenen auf der Farm, Dinahs Schwangerschaft, die kleinen Gesten – das alles bekommt Raum zum Atmen.

Die Seraphiten sind keine Kulissen-Gegner mehr, sondern Menschen mit Glaubenssystem und Verzweiflung. Lev ist nicht mehr nur der Trans-Junge auf der Flucht, sondern jemand, dessen Identität in direktem Konflikt mit seiner gesamten Welt steht. Das ist Handmaid's Tale-Level an religiösem Horror, nicht nur Pfeil-und-Bogen-Folklore.

Und dann die Gewalt. Jeder Schlag sitzt. Jeder Biss. Jeder Schuss. Die Kamera bleibt drauf, auch wenn ich wegschauen will. Das Spiel hatte diese Momente, aber sie waren immer noch Teil einer Unterhaltungserfahrung. Hier sind sie Teil einer Abrechnung. Wenn Ellie Nora foltert, ist das keine Boss-Sequenz – das ist ein Kriegsverbrechen in Echtzeit.

Aber: Der Finalkampf am Strand enttäuscht mich. Im Spiel war das Erschöpfung pur. Zwei Menschen, die kaum noch stehen können, die sich gegenseitig fast ertränken. Hier wirkt es zu choreografiert, zu sehr nach HBO-Budgets und Stunt-Koordination. Die Rohheit fehlt. Gerade hier, wo es am wichtigsten wäre.

Fazit

9/10 – Staffel 2 ist die Version von The Last of Us Part II, die das Spiel sein wollte, aber nicht sein konnte. Ohne Gameplay-Kompromisse, ohne den Zwang zur Unterhaltung, ohne die Angst vor zu viel Realismus. HBO zeigt, was passiert, wenn man Druckmanns Vision nicht durch Mechaniken filtern muss. Ja, der Mittelteil hängt. Ja, das Finale ist zu glatt. Aber das hier ist die ehrlichste Auseinandersetzung mit Rache, die ich seit Oldboy gesehen habe. Wer das Spiel liebte, wird hier verstehen, warum es so polarisiert hat. Wer es hasste, bekommt vielleicht endlich Zugang zu dem, was es sagen wollte. Pflicht für jeden, der glaubt, Videospiel-Adaptionen könnten ihr Original nicht übertreffen.

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