
Event Horizon – Am Rande des Universums
Event Horizon ist der Film der beweist dass Paul W.S. Anderson einmal wirklich gut war – verstörend, mutig und visuell bis heute unübertroffen.
Bewertung
Pro
- Absolut kranke, alptraumhafte Atmosphäre die unter die Haut geht
- Production Design und visuelle Effekte sind auch heute noch beeindruckend
- Sam Neill liefert eine intensive, verstörende Performance ab
- Der Sound-Mix und Score treiben die Spannung ins Unermessliche
Contra
- Story hat logische Lücken und wirkt manchmal zu gehetzt
- Einige Crew-Mitglieder bleiben erschreckend eindimensional
- Das dritte Akts-Finale hätte noch brutaler sein können
Im Detail
Das Schiff kommt zurück
Die Event Horizon ist sieben Jahre verschwunden. Kein Signal, kein Lebenszeichen, keine Erklärung. Dann taucht sie wieder auf – irgendwo hinter dem Neptun, als wäre nichts gewesen.
Eine Rettungscrew soll nachsehen was passiert ist.
Das ist die Prämisse. Simpel, klassisch, vielversprechend. Was folgt ist kein Sci-Fi-Thriller sondern ein psychologischer Horrorfilm der sich im falschen Genre versteckt – und der genau deshalb so wirksam ist.
Was Anderson 1997 verstanden hat
Paul W.S. Anderson hat danach Resident Evil verfilmt, Mortal Kombat gemacht, Alien vs. Predator produziert. Sein Name steht nicht für Qualität.
Event Horizon ist die Ausnahme. Der einzige Film in seiner Karriere bei dem man spürt dass hier jemand etwas riskiert hat – nicht für den Markt, sondern für eine Idee.
Die Idee: Was wenn ein Raumschiff die Physik überwunden hat um schneller als Licht zu reisen – aber dabei durch etwas durchgegangen ist das kein Mensch durchqueren sollte?
Das ist kosmischer Horror in seiner reinsten Form. Nicht das Monster das aus dem Schatten kommt. Sondern der Abgrund der zurückschaut wenn man zu weit gegangen ist.
Das Schiff als Charakter
Die Event Horizon selbst ist die stärkste Figur des Films.
Production Designer Joseph Bennett hat ein Raumschiff gebaut das sich wie eine gotische Kathedrale anfühlt – kaltes Metall das organische Formen annimmt, Korridore die enger werden je tiefer man ins Schiff geht, ein Gravitationsantrieb der wie ein Folterinstrument aussieht weil er genau das ist.
Das Schiff erinnert an H.R. Gigers Arbeit an Alien – diese Verschmelzung von Maschine und etwas Lebendigem das keine Maschine sein sollte. Kein Zufall. Kein Budget-Problem. Eine Entscheidung.
Die Visionen die das Schiff seinen Besuchern schickt sind das Verstörendste was britisches Kino in den 90ern produziert hat. Anderson hat angeblich 130 Minuten Material gehabt das nach frühen Testvorführungen auf 96 Minuten gekürzt wurde. Die verschollene Director's Cut Fassung gilt als eine der großen verlorenen Schnittfassungen der Filmgeschichte.
Man spürt wo geschnitten wurde. Und man wünscht sich die 34 Minuten zurück.
Sam Neill und die Grenze
Laurence Fishburne als Captain Miller ist das rationale Zentrum des Films – pragmatisch, geerdet, der Erwachsene im Raum wenn alle anderen langsam die Kontrolle verlieren.
Sam Neill als Dr. Weir ist das Gegenteil.
Neill spielt die Transformation von rationaler Wissenschaftler-Figur zu etwas das diese Rationalität vollständig hinter sich gelassen hat mit einer Präzision die unbequem ist. Es gibt eine Szene in der zweiten Hälfte die ich nicht spoilern werde – aber sie ist einer der Momente die im Gedächtnis bleiben wenn der Film längst zu Ende ist.
Der Sound der nicht loslässt
Michael Kamens Score arbeitet gegen die Erwartungen eines Horrorfilms. Nicht laut, nicht aufdringlich – ein tiefes Vibrieren das sich im Brustkorb einnistet statt in den Ohren.
Das Sound-Design ist die stärkere Leistung. Schreie aus Korridoren die leer sein sollten. Das Knirschen von Metall das sich gegen den Druck des Vakuums stemmt. Und die Stille – die absolute Stille des Alls die in bestimmten Momenten beängstigender ist als jedes Geräusch.
Kopfhörer. Licht aus. Das ist keine Empfehlung sondern eine Bedingung für den vollen Effekt.
Was der Film schuldig bleibt
Der dritte Akt hetzt. Man merkt wo die fehlenden 34 Minuten fehlen – Charakterentwicklungen die abrupt abbrechen, Crew-Mitglieder die nicht genug Zeit bekommen um mehr als Funktionen zu sein.
Einige Crewmitglieder sterben bevor man ihren Namen gelernt hat. Das ist kein Horror – das ist Sparen an der falschen Stelle.
Das ändert nichts an der Wirkung des Films als Ganzes. Aber es erklärt warum Event Horizon bei Erscheinen floppte und erst Jahre später als Kultfilm wiederentdeckt wurde.
Fazit
Event Horizon ist der beste Film den Paul W.S. Anderson gemacht hat – und der einzige den er wahrscheinlich nie wieder machen wird.
Die 8.0 ist das Ergebnis eines Films der in seinen stärksten Momenten auf dem Niveau von Alien und The Thing spielt und in seinen schwächsten Momenten zeigt dass 34 fehlende Minuten einen Unterschied machen.
Wer Alien mochte und The Thing versteht und bereit ist sich auf einen Film einzulassen der keine einfachen Antworten gibt: hier entlang.
Das Universum jenseits der bekannten Physik ist kein Abenteuer. Event Horizon ist der Beweis.


