
Chernobyl
Chernobyl ist kein Katastrophenfilm. Es ist eine Anklage. Gegen Lügen, gegen Systeme, gegen die menschliche Fähigkeit das Offensichtliche zu ignorieren. Und es ist das Beste was HBO je produziert hat.
Bewertung
Pro
- Jared Harris als Legasov – eine der besten Serienleistungen ever
- Hildur Guðnadóttirs Score ist buchstäblich aus dem Reaktor geborgen
- Inszenierung die sich anfühlt wie ein Dokumentarfilm
- Historische Akkuratesse auf einem für TV ungewöhnlichen Niveau
- Fünf Episoden – kein Gramm Fett
Contra
- Englische Akzente statt russischer
- Originalsprache bleibt eine Designentscheidung die polarisiert
- Ulana Khomyuk ist eine Composite-Figur – das sollte man wissen
„Chernobyl ist kein Katastrophenfilm. Es ist eine Anklage. Gegen Lügen, gegen Systeme, gegen die menschliche Fähigkeit das Offensichtliche zu ignorieren. Und es ist das Beste was HBO je produziert hat."
Im Detail
1:23:45
Das ist die Uhrzeit zu der Reaktor 4 im Kernkraftwerk Tschernobyl explodiert. Craig Mazin beginnt seine Miniserie nicht mit dieser Explosion. Er beginnt zwei Jahre später – mit Valery Legasov der Tonbänder aufnimmt, allein in einer Wohnung, kurz bevor er sich das Leben nimmt. Wir wissen von Anfang an wie es endet. Das macht alles nur schlimmer.
Was Fernsehen leisten kann
Chernobyl ist das Argument gegen jeden der behauptet Fernsehen sei ein minderwertiges Medium. Fünf Episoden, keine Minute verschwendet, kein einziger Moment der auf Effekt setzt statt auf Wahrheit. Regisseur Johan Renck – bekannt aus Breaking Bad und Vikings – dreht die Serie wie einen Dokumentarfilm der zufällig auch Drama ist. Die Kamera wackelt nicht für Dramatik. Sie beobachtet. Ruhig, unerbittlich, nah.
Das Produktionsdesign ist atemberaubend. Gedreht wurde im litauischen Kernkraftwerk Ignalina – einem echten, stillgelegten Sowjetreaktor. Die Sets, die Kostüme, die Requisiten – alles sitzt. Wenn die Liquidatoren in ihren improvisierten Bleischutzanzügen über das Dach des Reaktors laufen, fühlt man das Gewicht. Jede Einstellung riecht nach Beton und Angst.
Drei Schauspieler tragen eine Katastrophe
Jared Harris als Valery Legasov ist eine Meisterleistung. Ein Mann der die Wahrheit kennt, sie sagen will, und versteht dass das System ihn dafür vernichten wird. Harris spielt das ohne Melodrama – mit müden Augen, zitternden Händen und der Würde eines Mannes der sich entschieden hat.
Stellan Skarsgård als Boris Shcherbina beginnt als bürokratischer Apparatschik und endet als einer der berührendsten Charaktere der Seriengeschichte. Seine Transformation über fünf Episoden ist so subtil dass man sie kaum bemerkt bis man zurückblickt.
Emily Watson als Ulana Khomyuk ist die einzige echte dramatische Lizenz der Serie – sie ist eine Composite-Figur, steht für Dutzende reale Wissenschaftler. Das sollte man wissen. Es schmälert ihre Leistung nicht.
Der Score der aus dem Reaktor kommt
Hildur Guðnadóttir hat für Chernobyl Geräusche im echten Kernkraftwerk Ignalina aufgenommen – Rohrleitungen, Turbinen, Ventile – und daraus Musik gemacht. Das Ergebnis ist kein Score der Emotionen erklärt. Es ist ein Score der Strahlung klingt. Tief, metallisch, organisch falsch. Man hört ihn und versteht instinktiv dass etwas nicht stimmt. Oscarwürdig – und sie hat ihn auch bekommen.
Was Chernobyl wirklich ist
Es wäre einfach Chernobyl als Anti-Sowjet-Serie abzutun. Das wäre falsch. Mazin interessiert sich nicht für politische Punkte – er interessiert sich für die Mechanik der Lüge. Wie Institutionen lügen. Wie Menschen innerhalb von Systemen lügen weil die Wahrheit unbequemer ist als die Konsequenz. Das ist keine Geschichte über die Sowjetunion. Das ist eine Geschichte über uns.
Der letzte Gerichtssaal-Monolog von Legasov ist eine der besten Szenen die je für das Fernsehen geschrieben wurden. Kein Actionfilm, kein Thriller, kein Drama hat in den letzten Jahren mehr Gänsehaut erzeugt.
Fazit
Chernobyl ist Pflicht. Nicht weil es wichtig ist – obwohl es das ist. Sondern weil es beweist dass großes Erzählen keine Superhelden, keine Zeitreisen und keine Staffel-Cliffhanger braucht. Fünf Episoden, eine wahre Geschichte, handwerkliche Perfektion. Die 9.5 hätte auch eine 10.0 sein können – der einzige Grund warum sie es nicht ist: die englischen Akzente bleiben eine Entscheidung die man zur Kenntnis nehmen muss.
Schau es. Schau es auf einem großen Bildschirm. Mit gutem Ton. Und danach lies etwas über Valery Legasov – den echten.


