
The Shining - Directors Cut
Kubricks Horrormeisterwerk ist kein Film über einen Mann der durchdreht – es ist ein Film über ein Haus das wartet. Und das Warten hat sich gelohnt.
Bewertung
Pro
- Atmosphäre die bis heute unerreicht ist
- Jack Nicholson in einer seiner definierenden Rollen
- Steadicam-Aufnahmen die das Genre neu erfunden haben
- Soundtrack der sich ins Gehirn brennt
Contra
- Wendy Torrance bleibt erschreckend eindimensional
- Wer Auflösung erwartet wird frustriert sein
- Die "Directors Cut"-Verwirrung nervt
„Kubricks Horrormeisterwerk ist kein Film über einen Mann der durchdreht – es ist ein Film über ein Haus das wartet. Und das Warten hat sich gelohnt."
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Im Detail
Welche Version hast du eigentlich gesehen?
Bevor wir anfangen: Die meisten Menschen die glauben den "Directors Cut" von The Shining gesehen zu haben, haben ihn nicht gesehen. Die 144-minütige US-Version die auf den meisten Streamingdiensten läuft wird fälschlicherweise als Directors Cut vermarktet. Kubrick selbst bevorzugte die kürzere europäische Fassung mit 119 Minuten – kompakter, subtiler, kein erklärender Handlungsbalast. Diese Review bezieht sich auf genau diese Version. Und sie ist besser.
Das Overlook Hotel ist der eigentliche Star
Jack Torrance ist nicht der Schurke dieses Films. Das Overlook Hotel ist es. Kubrick macht das von der ersten Einstellung klar – die Kamera folgt Jacks Auto durch die Berge nicht wie ein Beobachter, sondern wie ein Jäger. Das Hotel wartet. Es hat Zeit. Es hat Hunger.
Was Kubrick mit dem damals neuen Steadicam-System erschaffen hat ist bis heute unübertroffen. Die langen Korridorfahrten hinter Danny her, die langsamen Schwenks durch leere Ballsäle, das ruhige Gleiten durch den Heckenlabyrinth – das ist kein Kamerawork, das ist Architektur als Psychologie. Das Overlook atmet. Der Soundtrack von Wendy Carlos und Rachel Elkind verstärkt das ins Unerträgliche. Keine Melodie, keine Auflösung – nur Spannung die sich aufschichtet.
Nicholson und die Frage der Kontrolle
Jack Nicholson ist in diesem Film eine Naturgewalt. Die Frage ist nicht ob Jack durchdrehen wird – das wissen wir von Minute eins. Die Frage ist wie weit das Hotel ihn noch treiben muss bis er es selbst glaubt. Diese Ambiguität ist das Herzstück des Films. War er immer schon so? Oder hat das Overlook ihn erschaffen? Kubrick antwortet nicht. Er lächelt nur.
Shelley Duvall als Wendy ist die einzige echte Schwäche des Films. Nicht wegen ihrer Leistung – Duvall spielt unter extremem Druck überzeugend – sondern wegen der Schreibarbeit. Wendy reagiert, Wendy schreit, Wendy flieht. Sie hat keine eigene Innenwelt. In einem Film der sich so sehr für seine Charakterpsychologie interessiert ist das eine Lücke die auffällt.
Was bleibt
The Shining ist kein Horrorfilm der erschreckt. Er ist ein Horrorfilm der unbehagt. Der Unterschied ist wichtig. Jump Scares gibt es keine – stattdessen eine langsam wachsende Überzeugung dass irgendetwas fundamental falsch ist, ohne dass man genau sagen könnte was.
44 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung wird noch darüber gestritten was der Film bedeutet. Raum 237, die Fotos am Ende, der Bärenkostüm-Mann – Kubrick hat absichtlich Fäden offen gelassen. Wer das als Schwäche sieht liegt falsch. Das ist das Kalkül.
Fazit
The Shining Directors Cut ist Pflichtprogramm – nicht weil er der beste Horrorfilm aller Zeiten ist, sondern weil er beweist was das Medium Film leisten kann wenn Regie, Kamera, Sound und Schauspiel eine gemeinsame Vision verfolgen. Kubrick hat keinen Film über einen Mörder gemacht. Er hat ein Porträt der Stille gemacht, kurz bevor sie bricht. Unbedingt in der europäischen Kurzfassung schauen. Und laut.
