
The Goonies
Spielbergs Abenteuer-Blaupause hält 40 Jahre später. Weil es Kindern zutraut erwachsen zu werden statt umgekehrt.
Bewertung
Pro
- Kinder reden wie Kinder und nicht wie Drehbuchautoren
- Jede Figur hat einen echten Charakter statt einer Funktion
- Tempo das nie hetzt aber auch nie langweilt
- Praktische Effekte die besser altern als jedes CGI
Contra
- Sloth braucht heute mehr Kontext als 1985
- Das Ende löst zu viel zu schnell auf
- Manche Gags sind sehr sehr Achtziger
Im Detail
Ich sitze vor dem Fernseher und beobachte, wie sieben Kinder gleichzeitig durcheinander schreien, sich gegenseitig ins Wort fallen und dabei einen Schatz suchen, den es vermutlich gar nicht gibt. Und zum ersten Mal seit Langem fühlt sich ein Film aus den Achtzigern nicht wie ein Museumsstück an, sondern wie eine Blaupause, die Hollywood irgendwann verloren hat.
Wenn Kinder endlich wieder Kinder sein dürfen
The Goonies macht etwas, das heutige Familienfilme komplett verlernt haben: Die Kinder reden wie echte Kinder. Nicht wie kleine Erwachsene mit Sitcom-Pointen. Nicht wie wandelnde Lebensweisheiten. Sie unterbrechen sich, sie sagen dumme Sachen, sie streiten über absoluten Nonsens und vergessen mitten im Satz, was sie eigentlich sagen wollten. Mikey stottert sich durch seine Motivationsreden. Mouth kann nicht aufhören zu labern, selbst wenn es gefährlich wird. Data erklärt seine Erfindungen in diesem herrlich gebrochenen Englisch, das nie zur Pointe verkommt, sondern einfach Teil seiner Figur ist.
Das ist keine Nostalgie-Verklärung. Ich habe den Film jetzt 2025 geschaut, nicht 1985. Und diese Authentizität schlägt jeden modernen Kinderfilm, den ich in den letzten fünf Jahren gesehen habe. Stranger Things hat versucht, dieses Feeling zurückzuholen – und ist dabei oft genau in die Falle getappt, die Goonies vermeidet: Die Kinder wurden zu kompetent, zu wortgewandt, zu sehr auf Coolness getrimmt. Die Goonies sind chaotisch, ängstlich, überfordert. Und genau deshalb funktionieren sie.
Charaktere statt Funktionen
Jedes Kind in dieser Gruppe hätte in einem modernen Film genau eine Eigenschaft. Der Anführer. Der Nerd. Der Dicke. Der Coole. Fertig. Goonies gibt jeder Figur Widersprüche. Mikey ist der Träumer, aber auch derjenige, der am meisten Angst hat. Chunk ist die Comic Relief, aber auch der einzige, der emotional komplett ehrlich ist. Brand ist der große Bruder und Aufpasser, verliebt sich aber sofort in das erste hübsche Mädchen und vergisst seinen Job.
Selbst die Fratelli-Familie, die eigentlich nur die Bösewichte sein sollte, bekommt Nuancen. Mama Fratelli ist nicht einfach böse – sie ist eine frustrierte Matriarchin, die ihre inkompetenten Söhne durchschleppen muss. Die Brüder sind nicht bedrohlich, weil sie so gefährlich sind, sondern weil sie so unberechenbar dumm sind. Und dann ist da Sloth.
Sloth ist 2025 das größte Problem des Films. Nicht weil die Figur schlecht wäre, sondern weil der Film seine Deformation als selbstverständlichen Gag behandelt, ohne die Grausamkeit dahinter wirklich zu thematisieren. Er wird eingesperrt, misshandelt, als Monster inszeniert – und dann "gerettet" durch Chunk, der ihn zum Freund macht. Das ist einerseits eine schöne Botschaft über Außenseiter. Andererseits spielt der Film seine Behinderung für Schockmomente aus, bevor er ihn zum Helden macht. Mit Kindern würde ich das heute nicht einfach so schauen, ohne darüber zu reden.
Tempo ist nicht Geschwindigkeit
Was mich am meisten überrascht hat: Wie langsam dieser Film eigentlich ist. Nicht langweilig. Langsam. Die Goonies nehmen sich Zeit. Die erste halbe Stunde ist Setup – Freundschaften, Familiendynamiken, die Bedrohung durch die Zwangsräumung. Kein Action-Beat, keine Explosion, keine CGI-Spektakel-Sequenz, die mir zeigt, wie krass alles wird.
Stattdessen: Kinder auf dem Dachboden. Kinder, die eine Karte finden. Kinder, die diskutieren, ob das echt sein kann. Und ich – jemand, der mit YouTube-Pacing und TikTok-Cuts aufgewachsen ist – war keine Sekunde gelangweilt. Weil der Film versteht, dass Spannung nicht aus Geschwindigkeit entsteht, sondern aus Investment. Ich muss diese Kinder kennen, bevor ich mir Sorgen um sie machen kann.
Wenn dann die Höhlen kommen, das Piratenschiff, die Fallen – dann hat sich der Film dieses Tempo verdient. Die Szenen dürfen atmen. Die Kamera bleibt oft einfach stehen und lässt die Kinder reagieren, statt in hektische Schnitte zu verfallen. Moderne Abenteuerfilme wie die Jumanji-Reboots hetzen von Gag zu Gag, von Actionszene zu Actionszene. Goonies lässt mir Zeit zu staunen.
Praktische Effekte und das Piratenschiff
Das Piratenschiff ist echt. Komplett. Mit Segeln, Kanonen, Skeletten. Es wurde gebaut. Die Kinder sehen es zum ersten Mal in der Szene, in der wir es sehen – ihre Reaktionen sind echt. Und man sieht es. Diese Ehrfurcht, dieses Staunen, das kann kein Greenscreen der Welt replizieren.
Die Fallen in den Höhlen – Steinplatten, Wasserfälle, Rutschen – sind physisch. Wenn die Kinder nass werden, sind sie wirklich nass. Wenn sie schmutzig sind, ist das echter Dreck. Das klingt banal, aber es macht einen Unterschied. Ich glaube diesen Kindern ihre Erschöpfung, ihre Angst, ihre Aufregung, weil sie tatsächlich durch diese Umgebungen krabbeln.
Ja, manche Effekte sehen nach 1985 aus. Die Fledermäuse sind offensichtlich an Schnüren. Manche Matte Paintings sind erkennbar. Aber sie haben Charakter. Sie haben Textur. Sie altern besser als das CGI aus Filmen, die zehn Jahre alt sind. Ich schaue lieber auf ein handgemachtes Piratenschiff als auf die zehnte digitale Explosion, die aussieht wie jede andere.
Die Achtziger sind manchmal sehr Achtziger
Nicht alles funktioniert. Manche Gags sind so sehr Produkt ihrer Zeit, dass ich nur noch historisch nicken kann. Der Humor ist manchmal körperlich auf eine Art, die heute einfach nicht mehr zündet. Mouth übersetzt absichtlich falsch für die spanischsprechende Haushälterin – das ist nicht witzig, das ist einfach gemein. Chunk wird konstant für sein Gewicht gehänselt, und der Film spielt das als normale Freundschaftsdynamik.
Das Ende löst alles viel zu schnell auf. Die Edelsteine aus Sloths Tasche retten die Häuser. Die Polizei kommt genau rechtzeitig. Die Fratellis werden verhaftet. Alles gut. Es fühlt sich an wie "Okay, wir haben zwei Stunden, wrap it up". Ich hätte mir gewünscht, dass der Film sich für die Auflösung genauso viel Zeit nimmt wie für den Aufbau.
Und trotzdem: Diese Schwächen machen den Film nicht kaputt. Sie erinnern mich daran, dass auch Klassiker nicht perfekt sein müssen, um wichtig zu sein.
Warum kennt das heute kein Kind mehr?
Das ist die traurige Realität: Goonies ist kulturell irgendwo verloren gegangen. Es läuft nicht auf Disney+. Es wird nicht als Klassiker in Schulen gezeigt. Kinder wachsen heute mit Pixar auf, mit Marvel, mit Animationsfilmen – alles großartig, aber auch alles sehr kontrolliert, sehr durchdesignt.
Goonies ist rau. Es ist laut. Es ist chaotisch. Es traut Kindern zu, mit echten Gefahren, echten Emotionen, echten Konsequenzen umzugehen. Niemand stirbt, aber die Bedrohung fühlt sich real an. Die Freundschaften sind nicht perfekt, aber sie sind echt. Und am Ende gewinnen die Kinder nicht, weil sie die Besten sind, sondern weil sie zusammenhalten.
Das ist eine Botschaft, die heute wichtiger ist denn je. Und sie wird in einem Film vermittelt, der nicht predigt, nicht belehrt, sondern einfach eine verdammt gute Geschichte erzählt.
Fazit: 8/10 – Die Blaupause, die Hollywood vergessen hat
The Goonies bekommt von mir eine 8 von 10, und das ist keine Nostalgie-Wertung. Ich habe diesen Film zum ersten Mal 2025 gesehen. Keine Kindheitserinnerungen. Keine verklärte Vergangenheit. Nur ein Film, der versteht, wie man Abenteuer für Kinder macht, ohne sie zu unterschätzen.
Die zwei Punkte Abzug gehen an die Achtziger-Gags, die nicht mehr funktionieren, an Sloths problematische Darstellung ohne echte Reflexion und an ein Ende, das zu hastig alles zusammenwirft. Aber diese Schwächen wiegen nicht auf, was der Film richtig macht: Echte Charaktere. Praktische Effekte mit Seele. Tempo, das Raum zum Atmen lässt. Und Kinder, die endlich wieder wie Kinder sein dürfen.
Wenn ihr mit euren Kindern einen Abenteuerfilm schauen wollt, der nicht nur Action bietet, sondern auch Herz – und wenn ihr bereit seid, über ein paar veraltete Momente zu sprechen – dann ist Goonies genau richtig. Es ist die Blaupause, die Spielberg und Donner damals geschrieben haben und die Hollywood irgendwann verloren hat. Zeit, sie wiederzufinden.


