Schweinsteiger weiß es besser
Es ist WM 2026. Deutschland spielt. Ich sitze vor dem Fernseher und Bastian Schweinsteiger erklärt mir was der Trainer hätte anders machen sollen.
Schweinsteiger hat 121 Länderspiele gemacht. Er hat die WM 2014 gewonnen. Er hat in Old Trafford gespielt.
Und trotzdem sitze ich da und denke: Woher weißt du das?
Das ist der Moment in dem mir klar wird dass das Problem nicht Schweinsteiger ist. Das Problem ist das System das ihn dort hingesetzt hat und erwartet dass er alle 90 Minuten eine Expertise liefert die niemand wirklich hat.
Die Vermarktungsmaschine braucht Stimmen
Die WM 2026 ist ein Produkt. Das war sie immer – aber inzwischen ist das Produkt so offensichtlich ein Produkt dass die eigentlichen Spiele fast nebensächlich wirken.
Was bleibt ist ein Studioapparat der gefüllt werden muss. Stunden Sendezeit vor dem Spiel. Stunden danach. Halbzeit. Interviews mit Leuten die gerade gespielt haben und noch keine Luft bekommen haben bevor jemand ein Mikrofon hinhält und fragt: "Was lief falsch?"
Was lief falsch ist keine Frage nach einer echten Antwort. Es ist eine Aufforderung zum Expertenauftritt. Und weil die Sender Expertenauftritte brauchen und Experten Auftritte brauchen funktioniert das System solange niemand laut ausspricht was alle denken:
Die meisten wissen es auch nicht.
Thomas Müller ist ein Unterhalter.
Das ist kein Vorwurf –
das ist eine Beobachtung.
Er ist charmant, schlagfertig,
manchmal überraschend klug.
Aber er ist kein Analytiker.
Er ist ein hängengebliebener Komiker
mit Weltmeister-Titel
und die Kombination verkauft sich gut.
Das ist das Geschäft. Ich bin nur zu alt um so zu tun als wäre es Expertise.
LinkedIn hat das perfektioniert
Fußball ist wenigstens ehrlich in seiner Inszenierung. Du siehst den Studioaufbau. Du weißt dass es Show ist.
LinkedIn ist die heimtückischere Version.
Jeden Morgen erklärt mir ein "Business Coach" was Führung bedeutet. Ein "Digital Transformation Expert" erklärt mir warum mein Unternehmen scheitern wird wenn ich nicht sofort seinen Newsletter abonniere. Ein "Mindset Architect" – ich schwöre das ist ein echter Titel – erklärt mir in drei Bullet Points wie ich mein Leben optimiere.
Der Berufsstand des Coaches hat sich in den letzten zehn Jahren so schnell vermehrt wie nichts anderes in der Berufswelt. Wer früher Personalberater war heißt jetzt Executive Coach. Wer früher Blogger war heißt jetzt Thought Leader. Wer früher einfach seinen Job gemacht hat postet jetzt täglich über die Lektionen die ihm sein Job gelehrt hat.
Ich kenne Menschen die ihren Job drei Monate gemacht haben und bereits Seminare darüber halten wie man diesen Job macht.
Drei Monate.
Gaming-Experten und ich mittendrin
Ich wäre unehrlich wenn ich so täte als wäre die Gaming-Welt besser.
Sie ist es nicht.
Jeder YouTuber der ein Spiel zehn Stunden gespielt hat erklärt danach warum das Studio alles falsch gemacht hat. Jeder Streamer mit 50.000 Followern weiß wie FromSoftware ihre Bosskämpfe hätte designen sollen. Jeder Review-Blog – ja, auch dieser hier – erklärt mit Zahlen zwischen 7.5 und 9.0 was ein Spiel wert ist und was nicht.
Ich habe Clair Obscur: Expedition 33 eine 9.0 gegeben. Sandfall Interactive hat vier Jahre daran gearbeitet. Ich habe 40 Stunden gespielt und meine Zahl aufgeschrieben.
Wer bin ich eigentlich?
Die ehrliche Antwort: Jemand der Spiele liebt, viele davon gespielt hat und eine Meinung hat. Das ist alles. Das ist nicht nichts – aber es ist auch keine Expertise die ein Schild verdient.
Das eigentliche Problem
Expertise hat einen Wert. Echte Expertise. Der Kardiologe der dein Herz operiert. Der Statiker der deine Brücke berechnet. Der Trainer der zwanzig Jahre mit Profispielern gearbeitet hat bevor er ans Mikrofon tritt.
Das Problem ist nicht dass Menschen Meinungen haben. Das Problem ist die Inflationierung des Wortes Experte bis zur Bedeutungslosigkeit.
Wenn jeder Experte ist ist niemand mehr Experte.
Und irgendwo in diesem Lärm aus selbsternannten Autoritäten gehen die Menschen verloren die wirklich etwas wissen – weil ihre ruhige Stimme im Geschrei von zwanzig lauten Nichtswissern untergeht.
Was ich stattdessen vorschlage
Nichts Weltbewegendes. Nur einen Gedanken.
Wenn du das nächste Mal etwas nicht weißt: sag es.
Wenn du das nächste Mal eine Meinung hast aber keine Ahnung ob sie stimmt: sag das auch.
Wenn Schweinsteiger das nächste Mal gefragt wird warum Deutschland verloren hat und er es wirklich nicht weiß – wäre es nicht befriedigend wenn er einfach sagt: "Keine Ahnung. Ich war nicht dabei."
Er wird es nicht sagen. Das System lässt es nicht zu. Das System braucht Experten weil Unsicherheit sich schlecht verkauft.
Aber wir müssen dem System nicht glauben.
Zum Abschluss – ein persönliches Geständnis
Ich schreibe Reviews. Ich gebe Wertungen. Ich erkläre warum ein Spiel oder ein Film seine Zeit wert ist.
Das ist meine Meinung. Manchmal gut informiert. Manchmal aus dem Bauch. Immer subjektiv.
Ich bin kein Experte. Ich bin jemand der eine Meinung hat und einen Blog betreibt.
Der Unterschied ist wichtig. Und ich werde ihn nicht vergessen – auch wenn das System mir jeden Tag anbietet ihn zu vergessen.
Sind wir nicht alle Experten? Irgendwie. Irgendwann.
Vielleicht. Aber vielleicht wäre die Welt ein ruhigerer Ort wenn wir öfter die Schnauze halten würden.
Ich fange bei mir an.
Kein Gaming, keine Wertung, keine Erklärung. Wer trotzdem liest, ist herzlich willkommen.
